Abwertung als politische Grundfigur
Deutlich wird dies exemplarisch an der Diskussion um sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“.
Menschen, die in Teilzeit arbeiten, wird nahegelegt, sie entschieden sich primär aus Bequemlichkeit oder mangelnder Leistungsbereitschaft für reduzierte Arbeitszeiten. Der implizite Vorwurf lautet: Man gönne sich einen angenehmen Lebensstil auf Kosten der Solidargemeinschaft.
Was dabei systematisch ausgeblendet wird:
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dass ganze Branchen auf Teilzeit angewiesen sind
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dass der Fachkräftemangel flexible Arbeitsmodelle erzwingt
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dass viele Familien mangels verlässlicher Kinderbetreuung gar keine andere Wahl haben
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dass Pflege, Sorgearbeit und familiäre Verantwortung weiterhin ungleich verteilt sind
Teilzeit ist in vielen Fällen keine Komfortentscheidung, sondern eine strukturelle Notwendigkeit – für Betriebe ebenso wie für die Gesellschaft insgesamt.
Die Abwertung trifft also nicht randständige Gruppen, sondern tragende Teile der Erwerbsbevölkerung.
Das Muster dahinter
Dieses Beispiel steht stellvertretend für ein breiteres Deutungsmuster:
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Bürgergeld wird erneut mit dem Unterton des Missbrauchs diskutiert
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Sozialbetrug wird rhetorisch aufgeblasen, obwohl er statistisch kaum ins Gewicht fällt
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gesellschaftliche Probleme werden individualisiert und moralisiert
Das zugrunde liegende Narrativ bleibt gleich:
Menschen nutzen aus.
Menschen drücken sich.
Menschen müssen diszipliniert werden.
Damit wird nicht nur soziale Realität verzerrt dargestellt – es wird systematisch entwertet, was Menschen tatsächlich leisten, tragen und ermöglichen.
Von Entwertung zu struktureller Kränkung
Diese Form der öffentlichen Abwertung wirkt nicht abstrakt. Sie wird gehört, gelesen, internalisiert. Auch von denen, die nie Bürgergeld beziehen, nie Leistungen beantragen, nie Teilzeit arbeiten.
Denn die Botschaft lautet:
Dein Einsatz steht unter Vorbehalt.
Deine Motivation ist verdächtig.
Dein Anspruch auf Teilhabe ist begründungspflichtig.
So entsteht eine kollektive strukturelle Kränkung – nicht durch einzelne Entscheidungen, sondern durch die dauerhafte Erfahrung, unter Generalverdacht zu stehen.
Hier liegt eine zentrale Quelle gesellschaftlicher Erschöpfung.
Der gefährliche Anschluss nach unten
Wo Menschen sich entwertet, übergangen oder misstrauisch behandelt fühlen, entsteht Frustration. Bleibt diese Frustration ohne strukturelle Adresse, sucht sie sich ein Ventil.
Beobachtbar ist dann ein vertrautes Muster:
In Diskussionsrunden, Call-in-Formaten, Alltagsgesprächen folgt auf die Kritik an Politik oder Lebensbedingungen oft schon im zweiten oder dritten Satz die Verschiebung:
auf Migrantinnen, auf „die da unten“, auf vermeintliche Profiteure.
Nicht, weil diese Erklärung zutrifft –
sondern weil sie emotional entlastet.
Eine demokratiegefährdende Dynamik
Diese Verschiebung ist nicht zufällig. Sie ist das Einfallstor für rechte Narrative.
Wo ein entwertendes Menschenbild von oben etabliert wird, verstärkt es Abwertung nach unten.
Statt strukturelle Fragen zu stellen – nach Verteilung, Steuerpolitik, Vermögen, institutioneller Verantwortung – wird gesellschaftlicher Zusammenhalt entlang von Schuldzuweisungen organisiert.
Das bedroht nicht nur den sozialen Frieden.
Es untergräbt die demokratische Identifikation mit dem Gemeinwesen selbst.